OSCAR WONG, Mexiko

 

VERWANDLUNG

 

            Für Jaime, zum Gedenken.

        Für Julio, vom Geschlecht der Sabines.

 

 

Die Bougainvillea zittert vor den Augen des Dichters

und wie der alte Feigenbaum

vor dem Gerechten gebeugt

erwartet sie den blitzartigen Befehl.

Der Blick des Dichters streichelt ihr Blattwerk.

Die Bougainvillea erzittert:

Jaime Sabines zittert,

er sieht auf seinen eingeschlafenen schwächlichen Körper.

Der Strahl schläft auf jenen Blumen

 

Und sein Blick dringt in die Wurzeln ein

(immer mehr ein Scheiterhaufen ihre Blätter und mehr Pflanzensaft das Blut).

 

Mexiko – Stadt, den 19. März 1999

 

                                                2

 

 

LANGSAME VERBRANNTE RÄUME

 

Marco Antonio Trovamala gewidmet

Der Abgrund.

Das Auge öffnet sich vor dem verletzten Glanz.

Schwindel, schwarzes Moos, verbrannter Stein,

Universum, hart geworden durch den Schatten,

kosmische Gebärmutter, aufgefädelt durch das Verschlingen der Räume.

Und Strudel, Turbulenzen, Schwärme von Formen

blinde Vagina, kurz davor, privilegiert zu sein.

In einem Meer von Schlamm das Riff,

gefräßiger Nebel, welcher die ursprüngliche Materie anfeuchtet.

Ein dichter Rhythmus in diesen Wellen.

Ein blasses Feuer bricht aus,

die Trübheit bewegt sich am Abgrund,

leeres Gewebe, Herzschläge, die in schwarzem hohem Seegang zusammenfließen.

Es schnaubt, es wiehert: Es bäumt sich die Leere auf.

Runzeln zuhauf, Schuppen,

dichte Kette, langsame verkohlte Räume.

Organisieren das Unförmige sein Geheimnis?

 

 

             3

 

 

Tiefgefrorener Tropfen die Hand des Schöpfers.

Verdutzter Diamant, Schneesturm, Sand.

Prasselnder blinder Strudel.

Obsidianpulver sein Gewebe.

 

 

 

Übersetzung: Konradin Grossmann

 

 

 

===============================

OSCAR WONG, Tonala, Chiapas, 1948, Mexiko,
er hat veröffentlicht: Zeitalter der Schmetterlinge, Erzählungen. 1989,
Wenn du dich dem Winde hingibst, Gedichte, 1978,
An einem Ort der Welt, Gedichte, 1981, ich habe Wurzeln hervorgebracht,
Gedichte, 1982, ich glaube nicht, dass die Dinge sich ändern, Gedichte, 1986,
Ritual der Abwesenheiten, Gedichte, 1994, das, was man Dichtung nennt,
Essay, 1974, Gedichte.