Schmähschrift über den Roman

 

Von: Jaime de la Gracia

 

/Da sie auf Rosario aus nächster Nähe einen Schuss abgaben, während sie ihm einen Kuss gaben, verwechselte  er den Schmerz der Liebe mit dem des Todes/

Mit diesem Satz weist der Autor den Leser darauf hin, dass er sich mit einer Geschichte einer Aktion und von Abenteuern konfrontiert, das Bild des Kusses wäre das Äquivalent zur Hintergrundsmusik, welche die Gattung der Aktion und Abenteuer begleiten muss.

Im Weiteren spielt der Satz auf den Schmerz der Liebe und des Todes an, greift den alten Widerspruch zwischen Eros und Tanatos auf und bewegt die Erzählung, ohne sie unter Druck zu setzen, auf einer existentialistischen Linie in der Art von Sartre. Es ist ein guter literarischer Trick, der jedoch im Kontext hohl und wenig überzeugend klingt.

Indem der Autor die handelnde Person sich erinnern lässt, während sie im Krankenhaus wartet, begibt er sich in die Welt der Träume und dann ist die Zeit nicht mehr die düstere lineare Zeit. Die Zeit gefriert und verwandelt sich in einen Schrank von Bildern, die man wird beschreiben können, ohne einen jähen Schrecken zu erleben. Träumen bedeutet auch tot sein, so sieht der Tote im Augenblick des Sterbens sein Leben wie in einem Film vorüber ziehen,

ohne es zu beurteilen. Es ist nicht mehr sein Leben, sondern er ist der Zuschauer, der einer Videovorführung zusieht. Dieser Glaube ist sehr alt und gelangte zu uns nach Westen über den Katholizismus.

Eine Begrenzung des Romans ist sein Stil, Schreiben in der Weise des Kinos stößt auf literarische Grenzen, da der Autor eine Zwangsjacke überzieht, die es ihm verbietet, Beschreibungen zu geben/Leidenschaften darzustellen/ und er sich gezwungen sieht / Emotionen / das Ergebnis widerspricht nicht der Absicht und wir haben am Ende ein gutes literarisches Produkt, um damit zu unterhalten, und das leicht zu lesen ist. Diese Literatur wird allmählich als Mc Donald – Literatur bekannt.

Den Roman kann man nicht nach dem Sozialen oder Repräsentativen der kolumbianischen Gesellschaft beurteilen, da seine Erwähnung hier wie eine Dekoration im Dienste eines Abenteuers erscheint. Doch seine Erwähnung ist gültig, weil die darin vorkommenden Elemente jener Wirklichkeit entstammen, obwohl sie banalisiert sind.

Der Autor versteht sich auf sein Handwerk, er kennt es und erkundet es auf glänzende und wirkungsvolle Weise.

 

Über den Roman im Allgemeinen

Der Roman ist Fiktion, seine Figuren sind Fiktion, sein Ambiente ist fiktiv, doch diese Gesamtheit von Fiktionen muss glaubhaft sein und die in ihm handelnden Personen menschlich, das ist das Wundervolle und Reichhaltige an ihm. Aus diesem Grunde ist ein guter Roman wie eine Lunge, mit der, bzw. an der jede Gesellschaft atmet und eitert, sozusagen ein Spiegel, in dem sie sich in die Augen sehen kann. Kein Roman hat je die Welt verändert, ebenso wenig wie es die Kunst getan hat, doch der Einfluss des Romans hat dazu beigetragen, dass sie menschlicher wird und sie zu etwas zu machen, was sich vom Tierreich unterscheidet.

Berlin – Deutschland/Winter 2002

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