Luis Bravo, Uruguay 1957

 

IM UMRISS DES SPIEGELS

 

Die Poesie ist der Fischfang mit Öllampe, Schimmer

Von Fischen in der dunklen Freiheit von Ebbe und Flut.

 

Sie ist Mondpapier in der seemännischen Nacht,

Halskette aus Zeichen am Hals des Abgrunds

 

Die Poesie trifft in das weiße Herz der Unschuld

Eine Asketin der Sprache führt sie aus.

 

Und sie entweiht das allgemein Anerkannte, das nicht mehr glänzt.

Die Poesie übt sich am Heiligen.

 

Gold in Staubform ist die Poesie,

Und sie ist der Wind, der das Rätsel ausstreut.

 

Die Poesie ist das Salz des Zweifels,

die angespannte Widersinnigkeit,

 

Vielleicht Gezweig eines gleichen Baumes wie die Philosophie,

Aber sie ist Nomadin von Gewissheiten, die Dichtung,

 

Sie ist Zeit, die vergeht, wie wenn die Zeit nicht verginge,

Sie ist die Kindheit, oder jeder Augenblick ist ein Jahrtausend.

 

Die Dichtung ist eine sehr alte Kunst

Mit ihrer Wassernadel durchquert sie Land

 

Worte, die man lieber nicht ausspricht::

Sie reist zu Königreichen, die sie bewohnen

 

Wie der Stein, und Sie widersteht

In der feierlichen Verrichtung

 

Die Poesie entstieg dem gleichen Baum wie die Affen von Darwin,

Doch es gibt keine Evolution in ihrer Anthropologie

 

Die Sprache ist ein Attribut der Poesie.

Ein Attribut, das wir nicht kennen, weil wir uns selbst nicht kennen.

 

Ihre Topografie befindet sich auf der Landkarte der Hände.

Sie ist wie die Flüsse, sie ist die Sintflut einer Seele, die überläuft.

 

Die Dichtung ist die Vergessenheit, sagt der blinde Dichter,

Sie strickt , umständlich, ihr Sein zur Unzeit auf.

 

Sie weiß, dass wir auf der Haut einer Luftspiegelung leben,

Aus diesem Grunde träumt die Dichtung von der Dichtung.

 

Im gelben Schrei der Hähne

Liegt die Dichtung, die brennt

 

Und  diejenige, die im ruhigen Wasser murmelt

Der Schiffbrüchigen des Vergnügens

 

Die Farbe der Dichtung läßt sich nicht mit Genauigkeit sagen;

               Mit Blut schreibt sie und schließt Bündnisse

 

Mit den Listen von Gott und den Wahrheiten des Teufels.

Und sie ist nur schön, die Dichtung, in den Augen der Schönheit, die sie ansieht.

 

    Uruguay / Februar 2000

 

 

 

 

Übersetzung: Konradin Grossmann

 

 

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Luis Bravo, Montevideo, 1957, Uruguay, er hat veröffentlicht:
Auf das Herz in Flammen gelegt, 1984, Gedichte, Claraboya,
du bist der Mond, Ritual für dreizehn Regenbilder, 1989, Gedichte,
Schneller Baum, 1997, Gedichte